Hildegard Elma – Strukturen

Zur Eröffnung in der Städtischen Galerie Tuttlingen, 19. Juni – 19. Juli 2015
(Ausstellung des Kunstkreis Tuttlingen e.V.)

Liebe Kunstfreunde,
Entdeckungen und Begegnungen gehören zu den vielen schönen Erfahrungen im Umgang mit Kunst, und umso inspirierender sind sie, wenn sie gemeinsam mit anderen Interessierten geschehen. Mit diesem geteilten Interesse bin ich in besonderer Weise dem Kunstkreis verbunden, der hier im Wechsel mit der Stadt als Veranstalter auftritt und immer wieder – wie auch hier im Fall von Hildegard Elma – für spannende Entdeckung sorgt.

Bilder entfalten – genauso wie Persönlichkeiten – ihre eigene und unverwechselbare Wirkung. Ganz besonders, in einer  Mischung aus Kraft und Schweben, Einfachheit und Differenziertheit, tun dies die einzigartigen Aquarelle von Hildegard Elma. Der Fluss des Lebens ist durch den mit viel Zeit und hoher Konzentration vollzogenen Malprozess in diesen Bildern verewigt.  Man glaubt in der gleichmäßigen Rhythmik der Pinselstriche noch so etwas wie einen pulsierenden Atem, eine für diese Art nach strengem Konzept entstandenen Bildern ungewöhnliche Lebendigkeit zu spüren. Basierend auf dem Prinzip des ganz Grundsätzlichen, nämlich dem von Horizontal und Vertikal, entfalten sie dennoch eine fugenhafte Komplexität, in der Transparenz und Dichte, Leichtes und Schweres, Geist und Materie, aufeinander treffen. Diese Bilder, in denen spürbar das Leben der Künstlerin steckt, können für den Betrachter so etwas wie eine Offenbarung sein und vermutlich verdanken sie ihren ausgeprägten Charakter auch ihrem Reifen in der Ruhe der Abgeschiedenheit des Wohn- und Arbeitsortes im ländlichen Ostfriesland. Dorthin ist die aus dem Schwarzwald stammende Künstlerin vor über dreißig Jahren mit der Familie gezogen und führt über einen langen Zeitraum auch in Bezug auf den Kunstbetrieb ein isoliertes Dasein. Dort kann sie  ungestört und mit voller Hingabe ihren eigenen inneren Auftrag verfolgen, der in nichts anderem als im Ausloten der Möglichkeiten und Grenzen des Mediums Farbe liegt.

Um die Farbe geht es, um das Erforschen ihres Wesens in jeglicher Hinsicht. Die Farbe erhält ihren großen Auftritt, der Respekt vor ihrem eigenen Leben und manchmal nicht berechenbaren Verhalten bleibt  trotz Regeln, die für jedes Bild aufgestellt werden, in großem Umfang gewahrt.

Vollkommenes Ausfiltern aller äußeren Einflüsse und das Einswerden mit dem Bild bestimmen den Akt des Malens. Über Jahrzehnte eingeübt, ist es inzwischen so, dass sich die Ruhe und Konzentration in dem Moment einstellen, in dem die Malerin den Pinsel in der Hand und das Papier vor sich hat. Beim Malen ist sie genauso wie die Meister des Zen bei deren bereits tausendfach ausgeführten geistig-körperlichen Übungen sofort ganz bei sich. Jeder Handstrich ist bewusst und sicher ausgeführt, jede Bewegung zählt. In diesem Punkt gibt es auch eine sinnfällige Analogie mit der Erfahrung Hildegard Elmas als Musikerin, genauer gesagt als Geigerin. Bereits beim Studium dieses Instruments – sie weist ein abgeschlossenes Musikstudium vor – hat sie gelernt, Bewegungen präzise, dosiert, nuanciert und in bestimmtem Rhythmus auszuführen. Was sie mit dem Geigenbogen gelernt hat, ist in gewisser Weise auch für den Pinsel und das regelmäßige Streichen über den Bildgrund gültig. Genauso wie das Musizieren ist auch das Malen ein körperlicher Akt, dessen Beherrschung mit viel Übung und Ausdauer erreicht  wird.

Aber das Hören von Musik beim Malen käme der Künstlerin gleichwohl nicht in den Sinn, denn Musik und bildende Kunst sind für sie zwei eigene Welten, die jeweils die ungeteilte Aufmerksamkeit fordern. Nach dem Musikstudium wechselte sie in die andere Welt (in die des Optischen) und sattelte das Studium an der Stuttgarter Kunstakademie darauf. Nicht zufällig beschäftigte sie sich in einer Facharbeit mit dem Einfluss der Neuen Musik auf die Entwicklung der Abstraktion in der bildenden Kunst – und zwar am Beispiel der Beziehung zwischen dem Musiker Arnold Schönberg und dem Maler Wassily Kandinsky.

Hildegard Elma folgt in der großen Tradition der vor etwa hundert Jahren grundgelegten Abstraktion ihrem eigenen Impuls. Dies tut sie frei von äußeren Zwängen irgendwelcher Art. Ihre Autonomie erstreckt sich sogar soweit, dass sie ihr eigener Farbenhersteller ist (darauf gehe ich noch ein) und auch ihr eigenes Transportunternehmen. Eine ganze Ausstellung kann sie auf ihrem eigenen Rücken tragen in einem eigens hierfür hergestellten Behälter, der die gerollten Bilder aufnehmen kann. Diese montiert sie auf selbst und nach individuellem Maß hergestellten Aluminiumgestängen, mit Hilfe derer die Bilder an der Wand befestigt werden und den typischen Eindruck des Schwebens erhalten.

Doch zurück zur Entstehung der Werke. Zu den vor der Ausführung der Bilder festgelegten Parametern gehören unter anderem die Stärke des Pinsels, die Menge und Dichte der Farbe, der Duktus, die Geschwindigkeit und die Intervalle der Pinselstriche, die Anzahl wie oft der Pinsel abgestrichen werden muss. Die Künstlerin legt fest, welche Wassermenge in welchem Rhythmus hinzugefügt wird, um beim Neuansatz des Pinsels eine Abstufung zu erhalten, die sich dann an den Ecken und Rändern nachvollziehbar manifestiert. Nuancenreich und mit unterschiedlichen Steigerungen und Verdichtungen gibt es die turmähnlichen Bilder, die von der Horizontalen bestimmt sind, und es gibt solche mit ausschließlich vertikalen Strichen. Bei einem frühen Ultramarinbild (im Kellergeschoss) bildet sich durch den graduellen Farbauftrag eine Kreuzform heraus. Ein weites Feld mit unendlich vielen Möglichkeiten bieten schließlich die Bilder mit beiden Strichrichtungen, deren  Lagen wiederum nach einer bestimmten Systematik wie Flechtwerk verwoben sind. Das Bild bleibt dank der gestaffelten Pinselansätze – bei genauem Betrachten handelt es sich bei den geschichteten Streifen ja um hunderte von Bildern im Bild – immer in seiner  Entstehung nachvollziehbar. Große Komplexität ist gepaart mit Transparenz.

Wenngleich das Malen nach einer selbst auferlegten Systematik abläuft,  begleitet doch Offenheit den Bildprozess. „Es geht mir darum, zu sehen, was mit der Farbe passiert“, sagt die Künstlerin. Dieses geschehen- und einlassen können ermöglicht ein gleichsam organisches Wachstum von innen heraus.

Mittel zum Erreichen des Zieles, Farbe zu präsentieren, ist die Reduktion. Hildegard Elma arbeitet ausschließlich mit den Farben Blau und Rot, genauer gesagt, mit zwei bestimmten Blautönen, dem Indigo und dem Ultramarin, sowie mit zwei bestimmten Rottönen, dem Magenta und dem Alizarin-Karmesin. Der Substanz der Farbe widmet sie große Aufmerksamkeit. Nachdem bereits vor vielen Jahren ihr Farbenhersteller die Produktion des bevorzugten Karminrots eingestellt hatte, stellt sie ihre Farben nur noch selbst her, durch Anrühren von Pigmenten, die sie in hoher Qualität bei einem Spezialhändler sorgfältig auswählt . Auf die Frage, ob sie in Betracht zieht, auch irgendwann die dritte Grundfarbe Gelb einzusetzen, meint die Künstlerin klar „nein“, denn sonst würde ihr beim Erproben aller Möglichkeiten dieses eine Leben nicht ausreichen. Ihre Rot- und Blau-Töne kommen auf einer Reihe von Bildern einzeln zum Einsatz – man beachte etwa die wundervolle Sequenz von Indigo-Bildern, die in ihrer Monochromie, von Opak bis Durchscheinend, von Mystisch-Dramatisch bis Hymnisch-Leicht das ganze Ausdrucksspektrum dieser Farbe thematisieren. Es gibt weitere Bilder, in denen Rot- und Blau- Farbtöne kombiniert und in bestimmtem Rhythmus in einen Zusammenklang gebracht werden.

Die kleinen Überraschungen und Unregelmäßigkeiten sind es, die dem Bild seine aufregende Lebendigkeit verleihen. Ohne Zutun, wird die Farbe auf dem senkrecht stehenden Bildgrund durch die Schwerkraft gerichtet. Das Medium wird an seine Grenzen gebracht, in dem die Farbe mal fast völlig zum Verschwinden gebracht und in lichtdurchdrungener Leichtigkeit aufgeht und an anderer Stelle wiederum zur undurchdringlichen Materie wird. Die Beimengung von Glyzerin sorgt bei manchen Bildern für den untypischen Glanz, der teilweise mehr an Pastell- oder Ölmalerei als an Aquarell erinnern kann. Partikel der Farbpigmente können sich auf der Oberfläche absetzen und dem Bild eine Haptik verleihen und feine Farbverläufe, entstanden durch das Fließen des Wassers, können das Bild um Zufallsmomente bereichern. Auch während des Trocknungsprozesses geschehen beim Aquarell noch Veränderungen der Farbe und durch unterschiedliches und häufiges Nässen  bei den vielen Malschichten ergeben sich leichte Wellen und Verformungen im Bildträger, der dem Bild dreidimensionalen Charakter verleiht.

Dazu kommt noch etwas anderes. Wir kennen alle den Effekt des Lichts, das an einem sonnigen Tag durch die feinen Ritzen der Rollläden dringt. Genauso hinterleuchtet wirkt aufgrund von feinen Spalten zwischen den Pinselstrichen manch eine Bildpassage, die einen weiteren dahinter liegenden Raum mit einer verborgenen Lichtquelle vermuten lassen. Mit den in hoher Pigmentkonzentration angerührten Farben und mit Hilfe ihres gestaffelten Farbauftrags erzielt Hildegard Elma  eine intensive Leuchtkraft der Farbe, die zum Teil an bunt verglaste Kirchenfenster erinnert.

Durch die Staffelungen verschiedener Helligkeitsstufen und Überlagerungen von Farbstreifen entsteht auf allen Bildern eine eigentümliche Räumlichkeit, ein Sog, der den Betrachter einlädt, gedanklich einzutauchen und zu meditieren. Vor dem inneren Auge erscheinen Eindrücke der Tiefe, des Schwebens, der Auflösung.

Sofern er sich einlässt, tritt der Betrachter unwillkürlich mit dem Bild in eine Beziehung, die – genauso wie im zwischenmenschlichen Bereich – geprägt ist von Dauer und Lebendigkeit. Wie andere Beziehungen ist auch die zum Bild veränderbar durch Einflüsse, in diesem Fall durch den Blickwinkel, den Abstand sowie die wandelnden Lichtverhältnisse. In besonderer Weise begünstigt wird die Beziehung zu den Bildern von Hildegard Elma durch ihre auf den Körper abgestimmte Relation. Ihr Format wird bestimmt durch die Reichweite der Arme, ihr menschliches Maß macht sie auf ideale Weise zu einem fassbaren Gegenüber.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, sie sind eingeladen, dies alles nun in Erfahrung zu bringen. Ich danke dem Kunstkreis Tuttlingen, dem Kurator Daniel Erfle und natürlich allen voran Hildegard Elma, dass sie diese einzigartige Begegnung hier  in Tuttlingen ermöglichen, und wünsche Ihnen allen noch einen schönen Abend in der Galerie.

Anna-Maria Ehrmann-Schindlbeck

 

Hildegard Elma – Aquarelle

Stadtgalerie Lauenburg, 2. August – 19. Oktober 2014

Die Aquarelle von Hildegard Elma gleichen allein aufgrund der Größe ihrer Bildträger – zumeist mit einem Ausmaß von ca. 200 x 150 cm – eher Gemälden. Ihr Format wird bestimmt durch die Relation zum Körper der Künstlerin und der Reichweite ihrer Arme. Hildegard Elma betrachtet das Bild als ihr Gegenüber. Das Malen stellt für sie einen körperlicher Akt dar, eine Performance, die den zeitlichen Prozess des künstlerischen Vorgehens abbildet.

Durch die freien Flächen zu allen Seiten des Farbauftrags und die lockere, lose vor der Wand angebrachte Hängung der großen Papierbahnen, scheinen die Werke schwerelos zu schweben. Fließend erweitern sie ihre bildhafte Begrenzung in den sie umgebenden Raum und nehmen so Kontakt auf zu ihrem Umfeld und zum Betrachter. Dieser erfährt die lebensgroßen, oftmals hochformatigen Werke konfrontativ im Verhältnis zu seinem eigenen Körper.

Gleichzeitig kennzeichnet die Arbeiten von Hildegard Elma eine definitve, in sich abgeschlossene Komposition, die die Aufmerksamkeit auf die Binnenstruktur der Aquarelle lenkt. Der sich wiederholende, rhythmisch gestaffelte Ansatz der Pinselstriche an den ausfransenden Rändern, wo die Farbe durchscheinend, dünnflüssig und licht aufgetragen wurde, tritt bei allmählicher Schichtung und Verdichtung in ein Wechselspiel mit einer für die Technik des Aquarells ungewöhnlichen haptischen Materialität und Farbdichte, die an Ölmalerei denken lässt. Das Changieren zwischen dieser beinahe virtuellen, kaum fassbaren Immaterialität und der greifbar-materiellen, opaken Dinglichkeit der Farbe erzeugt eine den Bildern immanente vibrierend-pulsierende Atmung und lebendige Energie.

In einigen Arbeiten, z. B. in dem indigoblauen Aquarell von 2012, dominieren waagerechte Bänder das Bild. Stufenweise steigern sie ihre Farbintensität in Richtung Bildmitte zu einem dichten, sich verbreiternden Feld. Aus Licht und Schatten baut sich ein Bildraum auf, der sich aus dem Hintergrund nach vorne schiebt und wölbt.

Weitere Aquarelle zeigen eine sich überlagernde horizontale und senkrechte Linienführung. Diese weisen ebenfalls einen zu den Außenseiten graduell abnehmenden, verdünnten Farbauftrag auf, während sich in ihrem Inneren durch die unterschiedlichen Variationen von hellen und dunklen Tönen Keil- oder Kreuzformen herausbilden.

Fasziniert vom ‚Klang’ dieser beiden Farben, beschränkt sich die Künstlerin auf die Verwendung von Rot und Blau. Als eine weitere Grundfarbe wird hier auf das Gelb verzichtet, ein Umstand, der einen Vergleich zu Künstlern wie Piet Mondrian oder Barnett Newmann, in deren Werken diese Grundtöne eine zentrale Rolle spielten, unterbindet. Hildegard Elma erforscht das Spektrum, das Material und die Möglichkeiten der beiden Farben, für die sie sich einmal entschieden hat und von denen sie sagt, dass sie mit ihnen lange noch nicht fertig ist.

Die Künstlerin rührt die Aquarellfarben selbst an, wobei es ihr auf die starke Leuchtkraft der Farbmischung ankommt. Sie benutzt ausschließlich Indigo, Ultramarin und aus dem Rotspektrum Magenta und Alizarin-Karmesin-Rot. Ein Aquarell von 2014 führt beide Rottöne alternierend innerhalb eines Bildes zusammen.

Hildegard Elma verfolgt, als eine Bewunderin der Kunst von Donald Judd und Agnes Martin, eine konzeptuelle, minimalistische Strategie. Ihre künstlerische Herangehensweise unterliegt einer selbst auferlegten Systematik und von ihr aufgestellten Regeln. Sie legt im Vornherein die Parameter fest, nach denen sie vorgeht und die sie verfolgt, wobei sie im Vorfeld bereits einen bestimmten „Farbklang“ vor Augen hat.

Zu diesen Parametern zählen u. a. die Bestimmung der Stärke des Pinsels, mit dem sie an dem jeweiligen Bild arbeiten wird; die Menge der Farbe, die sie verwendet sowie deren Konsistenz und Dichte; der Duktus, die Geschwindigkeit und die Intervalle der Pinselstriche; die Anzahl, wie oft der Pinsel abgestrichen werden muss, um entsprechendes Tropfen zu veranlassen oder zu vermeiden. Sie entscheidet zuvor, in welchem regelmäßigen Verhältnis die Farbmenge zur Wassermenge verdünnt werden soll. Während des Malvorgangs installiert die Künstlerin das Blatt senkrecht auf einem an der Wand lehnenden Brett, so dass die Farbe durch die Schwerkraft gerichtet wird, ohne ihr eigenes Zutun.

Beim nun folgenden Akt des Malens zieht Hildegard Elma den Pinselstrich ohne abzusetzen in einer Linie durch. Da sie den Malvorgang transparent und den zeitlichen Entstehungsprozess nachvollziehbar machen möchte, bleibt der Pinselansatz sichtbar. Die Künstlerin überarbeitet das Bild einmal im Ganzen, lässt es trocknen, dann erfolgt nach und nach der Auftrag weiterer Farbschichten. Ihr ausgesprochenes Ziel ist es, auf diese Weise „die maximale Leuchtkraft der Aquarellfarbe herauszukitzeln“.

Trotz des strengen Konzepts, das, einmal beschlossen, tatsächlich eingehalten wird, und die Ausführende während der Arbeit an einem Bild sozusagen „einsperrt“, beziehen die Arbeiten ihre Spannung aus unvorhersehbaren, ungeplanten Wirkungen, die von der Reaktion und Wellung des Papiers während der Bearbeitung über die körperliche Gestik, die Wirkung des Lichts innerhalb des Werkes bis hin zu seiner Korrespondenz mit dem realen Raum reichen. Diese Unberechenbarkeit verdankt sich jedoch dem ‚gesteuerten Zufall’.

Diese kompositorisch kontrollierte Zufälligkeit wurde in den 1950er Jahren in Kunst und Neuer Musik seit Pierre Boulez, Karlheinz Stockhausen und nicht zuletzt John Cages „Zufallsoperationen“ mit dem Begriff der Aleatorik belegt. Die so benannte Methode dient nicht zuletzt dazu, die subjektiven, ästhetischen und intuitiven Betrachtungen der eigenen Person möglichst auszuschalten und das Dasein von Farben und Klängen einfach geschehen und zuzulassen. Dementsprechend äußert sich auch Hildegard Elma, die die formale Systematisierung nutzt, weil sie sich selbst herausnehmen und nicht bloß aus dem Gefühl heraus arbeiten möchte, denn die Bilder sollen für sich sprechen. Es geht ihr darum, allein die Farbe zu präsentieren, sich davon überraschen zu lassen, was die Farbe macht, Augen und Sinne zu schulen.

Hildegard Elma studierte – vor ihrer Ausbildung zur Bildenden Künstlerin an der Staatlichen Akademie der Künste in Stuttgart – Musik und spielte Geige. In diesem Kontext beschäftigte sie sich mit den von Arnold Schönberg und der Wiener Schule entwickelten Theorien zur Atonalen Musik sowie mit der Komponiermethode der Zwölftontechnik. Die Künstlerin erkennt Parallelen zwischen der Anspannung, Konzentration und Disziplin während der strengen, geradlinigen und gleichmäßigen Führung des Pinselstrichs und der körperlichen Haltung beim Geigenspiel sowie dem Umgang mit dem Geigenbogen.

In der Stadtgalerie Lauenburg stellt Hildegard Elma zum ersten Mal überhaupt eine Zeichnung von sich aus. Sie stammt aus dem Jahr 1991 und ist mit Tinte auf Papier ausgeführt. Sie umfasst das für eine grafische Arbeit wiederum stattliche Format von ca. 190 x 110 cm. Dabei ist anzumerken, dass auch die malerischen Aquarellarbeiten durchaus als ausgeweitete Form der Zeichnung oder als Malerei mit grafischen Elementen betrachtet werden könnten, wobei die Linie als Farbband zur malerischen Fläche, die Fläche zum farbigen Streifen tendiert. In der Tuschezeichnung erscheinen die von Hand, in leichten Wellenbewegungen und Abweichungen nicht exakt waagerecht gezogenen Linien gleichwertig und doch erwecken sie den Eindruck, als ständen sie unter einer ihnen ganz eigenen, unterschiedlichen Spannung wie verschiedene Töne, Klänge oder Schallwellen.

Obwohl die Künstlerin Musik niemals während des Malens hört und Musik und Bild für sie zwei voneinander getrennte Bereiche sind, die jeweils ihre ganz eigene Konzentration einfordern, lässt sich eine Analogie ihrer künstlerischen Strategie zur Neuen Musik verfolgen: Die Atonalität strebte Anfang des 20. Jahrhunderts, zeitgleich mit dem Beginn der Abstraktion in der Bildenden Kunst, die Aufhebung der Tonalität und somit sowohl das Ende der hierarchischen Tonhöhenbeziehungen um das Zentrum eines Grundtons als auch die Gleichberichtigung eines jeden Tons an. Die in den 1920er Jahren entwickelte Zwölftontechnik versah die Atonalität mit Ordnungsprinzipien, die in ihrer Folge ab der Mitte des 20. Jahrhunderts im Rahmen der Seriellen Musik die Komposition durch die Festlegung von genauen Parametern der Tondauer, Tonhöhe, Tonartikulation, Dynamik (Lautstärke) und Klangfarbe Gesetzmäßigkeiten unterstellte.

Hildegard Elmas Aquarelle erzielen ihre Wirkung durch den fruchtbaren Gegensatz zwischen dem reglementierten, im Vorhinein festgelegten Konzept und dem tatsächlichen künstlerischen Ergebnis, das überraschende und unberechenbare Farbklänge und Klangräume erschafft. Das im Augenblick des Sehens kaum zu Erfassende und gleichzeitig sich Ereignende - die unauflösliche Verbindung der hellen, entschwindenden, sich entziehenden, unwirklich virtuell schwebenden Farbnuancen mit dem Rhythmus des Farbauftrags, der Fülle des Pigments, seiner dinglichen Materialität – erweist das Hier und Jetzt der Wirklichkeit des Bildes als physisches Erleben und die Realität einer Erfahrung, die nicht auf dem Bildschirm des Tablets mit einer Handbewegung wegzuwischen ist.

Claudia Funke, Berlin

 

Hildegard Elma (2013)

Vertikale und horizontale Impulse, Geometrie und schwebender Rhythmus bestimmen, so scheint es, die Bildwelt Hildegard Elmas. Es sind fugenhaft gebaute Kompositionen, lichte Gewebe, flirrende Membrane - Malerei aus dem Geist der Musik, Formulierungen von ungeheurer Strenge und Ausdruckskraft. Ihre Farbakkorde klingen in asketischer Ordnung wie eine unbekannte Melodie zu dem, was wir schon längst kennen. Und doch ist das Un-Dingliche das Ereignis ihrer Bilder, ein Schließen der Augen, der Blick nach Innen auf die Welt hinter den Dingen. Es sind semantische Felder, Substrate der Wirklichkeit - offene Räume, in denen das Imaginäre sich entfaltet.

Hildegard Elma arbeitet konzeptuell, hat Prämissen, flieht jedoch jede Dogmatik. Ihr künstlerischer Ansatz ist puristisch, ihre Technik subtil - ein komplexes Verfahren künstlerischer Reduktion.

Die Künstlerin studierte Musik und Malerei in Stuttgart. Ihr Medium ist das Aquarell, eine verletzliche Farbe, die sich beim Trocknen wandelt. Asketisch wirkt ihre Palette, die sich auf Ultramarin, Indigo und Magenta reduziert. Ihnen entlockt sie mit formalen Modulationen, Struktur und Kontrapunkt sinnlich erregende Harmonien. Deckend, oder bis zur höchsten Transparenz verdünnt trägt sie die Farben in ruhigem Strich mit breitem Borstenpinsel auf. Sie legt sie in Schichten übereinander, so dass eine erhabene Haut entsteht und die im Kolorit an Kirchenfenster gemahnenden Kompositionen eine objektive Materialität gewinnen. Bildträger sind Zeichen- und Aquarellpapierbahnen, die in kollosalen Maßen - zwei Meter in der Höhe, - "soweit die Arme reichen" - zuschneidet. Als Staffelei dient ihr das Malbrett, an dem sie mit gestreckter Haltung ansetzt, um dann mit geneigtem Oberkörper und angewinkelten Knien vertikale Farbbahnen auf das Papier zu bringen, die einer sich sanft senkenden Spur gleichen. Manche Bilder zeigen horizontale Impulse, die das vertikale Gitter durchbrechen und eine gewebeähnliche Rasterung entstehen lassen.

Immer sind es parallel geführte Bahnen, die den Bildraum in Höhe und Breite umfassend erschließen. Ihre Richtung ist auch ihre Ordnung und vollzieht sich von oben nach unten, von links nach rechts. Auf den Farbhäuten erkennt man oft noch die Wasserspur des Pinselstrichs, die zarten Ansätze, das kleine Rinnsal, das entstand, als die Künstlerin den Pinsel absetzte. Im Spannungsfeld von opaker Dichte und lichter Transparenz wird auf ihren Bildern der Werkprozess sichtbar, erlebt man jede Pause, jedes Zögern und die Schritte zur Vollendung.

Die Aquarelle haben eine klare, eindringliche Präsenz, aber sind frei von Narration und "Ohne Titel". Es sind dynamische, aus zielgerichteter, fließender Bewegung sich entladende Linien. Ihre Bilder scheinen aus sich selbst heraus zu wachsen. In einem subtilen Vorgang formaler Veränderung zählen die Schichtungen, die sie streng und energisch in Horizontalen und Vertikalen auf den Bildträger legt. Hierbei entstehen zuweilen Kreuzstrukturen. Ihre Kunst ist jedoch frei von symbolischen Formen. Es sind Folgen, keine Serien. Das Intervall eines jeden Bildes ist - so die Künstlerin - unerbittliche Konsequenz des vorhergehenden, manchmal auch Reprise.

Manche Formen entstehen durch wegnehmendes Gestalten und unaufhörliche Bewegung, als wolle sie die Zeit und mit ihr die Struktur des Zufalls abbilden. Es sind Bilder, die der Eigendynamik bildnerischen Bewußtseins sinnlichen Ausdruck verleihen. Im Zustand des Entstehens zeigen sich die Gegensätze im Temperament der Künstlerin: strenge Hermetik und Gewicht mancher Blätter stehen neben Werken von flirrender Leichtigkeit. Sie schätzt die geordnete Progression, aber auch befreiende Aufbrüche. Oft im Dreischritt (These, Antithese, Synthese?) mobilisiert sie die Kräfte von Farbe und Licht - Spannung steht neben Ruhe und Ausgeglichenheit, zentrierende und fliehende Kräfte machen das Bildgeschehen zum kontrapunktischen Spannungsfeld.

Sie widersprechen der Gewohnheit perspektivischen Sehens, auch wenn es immer eine Mitte zu geben scheint. Ihre Bilder "ziehen" an den Augen, bersten vor innerer Sprengkraft. Es sind "aktive" Bilder, ihre Dynamik bleibt nicht wie ein Tier hinter Gittern in die Ebene gebannt, sondern springt uns an. Es gelingt ihr, den Raum jenseits seiner visuellen Notation als zusätzliches Agens ins Spiel zu bringen, als ginge es ihr um unbekannte, abstrakte Wirklichkeiten, die noch zu erkunden sind.

Ricarda Geib, Stuttgart

 

Hildegard Elma

Drostei Pinneberg 2014, mit H. W. Erdmann und Edwin Zaft, Textauszug

[...]
Untypischerweise für diese Technik sind die großformatigen Aquarelle von Hildegard
Elma geradezu ausufernd in ihren Formaten und der Strahlkraft ihrer Farben. Gleichzeitig
sind sie extrem reduziert in ihren Formen: alle Bilder haben das selbe Format: 2 m mal
1,50 m. Und ihre Malerei beschränkt sich auf einfarbige, gerade Pinselstriche, die sie
konsequent nur senkrecht und waagerecht ausführt. Zudem verwendet sie nur vier
Farben: Indigo, Ultramarin-Blau, Magenta und Alizarin-Karmesin-Rot, die sie nicht
untereinander mischt sondern jeweils rein aufträgt. Dass sie konsequent auf figürliche
Abbildungen und auch auf abstrakte Formen verzichtet, zeigt Ihre Nähe zur Konkreten
Kunst und Minimal Art. Das einzelne Bild transportiert vor allem die Farbe in ihren
unterschiedlichen Nuancen, die durch die zahlreichen Farbaufträge Muster und Formen
in unterschiedlicher Intensität und Leuchtkraft bildet.

Auch bei Hildegard Elma kommt das Prinzip der Aleatorik zum Tragen, auch sie nutzt
gelenkte Zufälle. Für das senkrecht hängende Blatt konzipiert sie zunächst den
Farbauftrag. Sie legt fest, welche Farben sie in welcher Verdünnung und in welcher
Reihenfolge auftragen wird. Das Verdünnungsverhältnis, die Dauer des Eintauchens des
Pinsels und die Anzahl des Abstreichens: die Malerin arbeitet in einer präzisen, selbst
bestimmten Struktur. Dass sich hierbei teilweise Tropfen bilden, dass ein Farbauftrag
vom nächsten fast völlig verdeckt wird, ist Teil des gelenkten Zufalls. Das Format ihrer
Bilder entspricht den Proportionen ihres Körpers, denn sie will malen, soweit ihre Arme
reichen. Weil sie nach jedem Farbauftrag das Papier wieder komplett trocknen lässt,
dauert die Arbeit an einem Bild rund eine Woche.

Mit dieser strengen Struktur und der Tatsache, dass die Bilder keine Titel tragen, nimmt
die Künstlerin sich gegenüber ihrem Werk sehr zurück. Sie will, dass die Bilder für sich
sprechen, dass Farben und Formen im Raum wahrgenommen werden. Dennoch haben
die Arbeiten einen starken Bezug zu ihrer Person. Sie sind nur in Verbindung mit der
Körperlichkeit der Künstlerin überhaupt denkbar, mit der Konzentration, Disziplin und
Körperbeherrschung, in der jeder einzelne Pinselstrich ausgeführt wird. Hierin ähnelt ihre
Malweise dem Bogenstrich eines Geigers. Und tatsächlich hatte Hildegard Elma bereits
ein Musikstudium absolviert, bevor sie an die Akademie der Künste ging, um Freie
Malerei zu studieren.

Ich hatte eingangs davon gesprochen, dass ein Maler mit seinem Strich die Fläche
strukturiert und gliedert. Das tut Hildegard Elma mit ihren konsequent geraden Linien.
Doch sie geht weit darüber hinaus. Die Farbe wird teilweise so stark verdünnt, dass sie
fast nicht mehr sichtbar ist. An anderen Stellen wird sie so dick aufgetragen, wie man es
eher von Öl- oder Acrylfarben kennt und tritt damit sichtbar aus der Bildebene hervor.
Auch das durch die Flüssigkeit wellige Papier tritt in den Raum. Das frei schwebend
gehängte Papier changiert dadurch zwischen einem Bild an der Wand und einem Objekt
im Raum. Zudem erzeugen die Muster, die teilweise an textile Strukturen erinnern, häufig
eine Illusion von Tiefe, eine räumliche Wirkung innerhalb des Bildes.

Die Aquarelle von Hildegard Elma sollten lange betrachtet werden. Diese Bilder entfalten
umso mehr Wirkung, je länger man sich mit ihnen befasst, sie aus verschiedenen
Entfernungen und bei wechselnden Lichtverhältnissen betrachtet.[...]

Stefan Dupke, Hamburg

 

Meine Arbeit (2013)

Mit meinen Aquarellen lote ich den weiten Bereich zwischen hauchdünnem Farbauftrag und massiver Farbe aus. Dabei haben die Aquarelle eine viel stärkere Leuchtkraft als üblich, was ich dadurch erreiche, daß ich meine Farben selbst anrühre. Es kommt mir entgegen, daß ich das Papier auf einem senkrecht stehenden Brett fixiere und die Farbe daher der Schwerkraft ausgesetzt ist. So erprobe ich ihr Verhalten und steuere es behutsam.

Der Anspruch zu malen, so weit meine Arme reichen, bestimmt das Format. Daraus folgt, daß meine Gestik bei der Gestaltung eine entscheidende Rolle spielt und ein regelmäßiger intensiver Rhythmus während des Arbeitens entsteht. Wichtig ist mir, mich auf ganz wenig Grundsätzliches zu beschränken: waagrechte und senkrechte Pinselstriche.

Darüber hinaus gibt es Vorgaben, z. B. daß die angerührte Farbe nach jedem Pinselstrich mit einer immer gleich großen Menge Wasser verdünnt wird. Hierbei entstehen räumliche Wirkungen. Dadurch werden der umgebende Raum und die Betrachter stark mit einbezogen.

Das Material Aquarellfarbe ist "lebendig", d. h. die Farbe verhält sich der Luftfeuchtigkeit entsprechend immer noch etwas flexibel lange nach ihrem Trocknungsprozess. Der Farbträger, starkes Papier, fast schon Karton, verformt sich dadurch, vor allem aber durch das häufige Nässen bei den vielen übereinander gelegten Malschichten. Papier und Farbe kommunizieren miteinander und werden zu einem dreidimensionalen Objekt. Auch hierbei entsteht eine Art von Raumbezug.

Hildegard Elma

 

Ausstellungseröffung Freudenstadt 2013

...Die Künstlerin ist eine Virtuosin der Lasur, mit der sie schließlich alles aus der Farbe herausholt: Das reicht vom Auftrag einer verkrusteten, gänzlich deckenden Farbschicht bis hin zum zartesten, fast nicht mehr sichtbaren Farbton. Dafür verwendet dier Künstlerin einen kräftigen Borstenpinsel... Und dieser augenscheinlich ablesbare Pinselduktus verleiht den Bildern einen Rhythmus, der zum Einen auf das disziplinierte und konsequente Arbeiten der Künstlerin verweist, und zum Anderen eine Ahnung von dem dynamischen Entstehungsprozess der Arbeit weckt.

Dr. Sascha Falk

 

Ausstellungseröffnung Freudenstadt 2000

...Die Aquarelle zeichnen sich aus durch Strenge und Unaufdringlichkeit. Auf jede gegenständliche Assoziation oder abstraktes Formenspiel wird verzichtet, kein Wiedererkennungseffekt erleichtert uns den schnellen Zugang. Ebenso fehlen die in der modernen Kunst öfters eingesetzten Irritation, Schock oder Provokation. Trotz ihrer leuchtenden Farbigkeit wirken die Werke zurückhaltend, selbstverständlich.

...Der Zugang zu den Werken von Hildegard Elma braucht das Einlassen des Betrachters auf eine Ausnahmesituation. Er muss sich herausnehmen aus einer überfluteten Sinnes- und Wahrnehmungswelt, er muss vor die Bilder hintreten und konzentriert auf sie eingehen. Dabei macht es uns die Farbgebung zunächst leicht. Das Ultramarin, die Marienfarbe des Mittelalters und einst aus Halbedelsteinen gewonnen, ist wie das Indigo-Blau in größter Leuchtkraft aufgetragen. Den Farben der Kühle und Unendlichkeit zur Seite stehen Magenta und Alizerin-Karmesin, die beiden Rottöne. In ihnen spiegelt sich Herrschaft und Dinglichkeit. Während in einigen Werken eine einzelne Farbe mit dem Weiß des Grundes Zwiesprache hält, begegnen sich in anderen Bildern Farbenpaare. Gleichwohl bleibt der Charakter der Farben erhalten und wirkt vornehmlich durch seine psychologische Ausdruckskraft.

...Mit diesen drei Komplexen- Farbe in ihrer psychologischen Ausdruckskraft, Raster zwischen Statik und Dynamik und Farbauftrag zwischen Leuchtkraft und Transparenz- ist die architektonische Struktur beschrieben. Zusätzlich ist der Träger dieser Malerei zu beachten.

...Das Fließen der Farbe, das Ausbrechen aus der vom Pinsel vorbestimmten Form, wird in einem Teil der Werke zum Thema.

Dr. Andreas Zoller

 

Ausstellungseröffnung Freudenstadt 1995

...Ausgeprägt ist das Spiel mit dem Kontrast von Hell-Dunkel, wobei machtvoll die Spannung zwischen größter Helligkeit und tiefster Dunkelheit ermittelt ist. Durch das Auswaschen und Schrubben, der handwerklichen Bearbeitung des Papiers mit dem Borstenpinsel, entstehen darüber hinaus faszinierende Zwischenwerte und Tiefenwirkungen, die nicht Ursprung der künstlerischen Idee sind, sondern konsequentes Ergebnis einer Körperlichkeit, die den Bildträger als Spiegelbild, als ein Gegenüber versteht, auf dem weniger Aktion als meditative Selbstbefragung sichtbar wird.

Dr. Andreas Zoller

 

Ausstellungseröffnung Leer 1992

...Die Bilder von Hildegard Elma leben von einer durchscheinenden Helligkeit, von transparenten Lichtschleiern und von feinsten Abstufungen der Farbdichten bis hin zu dem reinen Weiß des Aquarellpapiers. Neben dem Licht steht aber auch das Dunkel. In vielen Bildern ist der Kontrast sehr stark. So erreicht die Malerin in dem Indigoblau, das in vielen Schichten aufgetragen ist, die dunkelsten Stellen in ihren Bildern, die fast schon tiefschwarz wirken.

... hinzu kommt die Kraft und Dynamik des Pinselschwungs, der den Bildern einen unmittelbaren starken Ausdruck gibt. Diese kraftvolle Geste ist aber nicht für alle Bilder maßgebend, wir können auch Beispiele für eine ruhige, konzentrierte oder kontemplative Bewegung der Hand finden, die den Pinsel führt.

...Uns fällt auf, dass die Bilder keinen Rahmen haben. Sie sind nicht hinter Glas gepresst oder wie eine Leinwand straff auf einen Keilrahmen gespannt. Die Papierbahnen hängen vielmehr frei vor der Wand. Diese Art der Präsentation ist ebenfalls ganz wesentlich für die Wirkung der großformatigen Arbeiten. Das Material des Papiers ist durch dieses Herabhängen, durch die leichten Verformungen der großen Fläche, durch seine Leichtigkeit für den Betrachter zu erspüren.

Jost Galle